Kirchenmusik der Moderne

Damals Nachdem der Freiburger Landeskantor Martin Gotthard Schneider 1961 beim Liederwettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing für sein Lied „Danke für diesen guten Morgen“ prämiert worden war, gewann die sogenannte Popularmusik in Kirche und Gemeinde langsam mehr und mehr an Bedeutung. Obwohl das „Danke“-Lied zum Klischee kirchlicher Popularmusik wurde und für viele Menschen immer noch ist, entstand im Laufe der Zeit eine sehr heterogene Popularmusikszene in den Gemeinden – mit Liedermachern, Sacro-Pop und Neuem Geistlichem Lied auf der einen und Jazz-, Rock und Pop-Bands auf der anderen Seite. Der Unterschied zu weltlichen Produktionen liegt lediglich im (christlichen) Text. Die Stücke erfreuen sich unter den Sammelbegriffen „Christian Contemporary Music“ und „Praise and Worship“ großer Beliebtheit.

HeuteSeit den Siebzigern steht das Wort »Lobpreis«, beziehungsweise neudeutsch »Worship«, für eine ganz bestimmte Art des Lobes Gottes, die sich vor allem bei der charismatisch-pfingstlerischen Bewegung in den USA entwickelt hat. Diese »Bewegung« schwappte vor etwa vierzig Jahren vom angloamerikanischen Sprachraum nach Deutschland und findet vor allem seit Mitte der 1980er-Jahre hier ihre Verbreitung, weit über charismatische oder pfingstlerische Gemeinden hinaus. Dabei geht es nicht nur um bestimmte Lieder und deren Verbreitung. Vielmehr handelt es sich um eine ganz bestimmte Form, in die das gesungene Lob Gottes »verpackt« wird. Lieder werden nicht einfach in den Ablauf eines Gottesdienstes an bestimmten Stellen eingefügt. Der »Lobpreis« ist hier ein eigener Teil, der je nach Gemeinde und Prägung von zwanzig Minuten bis zu einer Stunde oder mehr dauern kann. Darin übernimmt üblicherweise ein »Lobpreisleiter« die Regie, der die Lieder anleitet, die nur von Gebeten oder Bibellesungen unterbrochen werden, und der die Gemeinde in den Lobpreis und die Anbetung »führt«. Die Lieder sind oft sehr einfach, bestehen zu einem großen Teil aus nur einer Strophe und einem Chorus, die oft wiederholt werden. Die Texte sind sehr emotional, preisen Gott oder drücken die innige Beziehung zu Jesus Christus aus. Der Musikstil ist in den meisten Fällen am ehesten in Richtung »Softpop« einzuordnen, bisweilen auch mit »Schlager«-Einschlägen. Zumindest war das über lange Jahre der Fall. In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren hat sich um das Thema »Lobpreis« ein regelrechter Boom entwickelt. Das Angebot an CDs, Büchern zum Thema, Liederbüchern und Webseiten dazu ist fast unüberschaubar.

Für evangelische Gemeinden kann Lobpreis ein Impuls sein, der das Verständnis von Kirchenmusik um ein wichtiges zeitgenössisches Element erweitert, ohne die eigene Tradition zu verleugnen. Ist die »klassische« Kirchenmusik überwiegend dazu geeignet, eine ganz bestimmte Bildungs- und Altersschicht zu bedienen, ist es mit Anregungen aus dem Bereich Lobpreis vielleicht möglich, ein größeres Spektrum der modernen Gesellschaft anzusprechen und so den Begriff »Volkskirche« mit neuem Leben zu füllen. Gleichzeitig bleibt natürlich eine gesunde Skepsis gegenüber den vielen evangelischen Christen zu »schwärmerisch« wirkenden Begleiterscheinungen. Die Entwicklung in den Gemeinden bindet an vielen Stellen Lobpreis jedoch längst mit ein. Heute veranstalten viele Gemeinden Gottesdienste mit Lobpreis und regelmäßige »Lobpreisabende« oder versuchen, die Besucher des klassischen Gottesdienstes am Sonntagmorgen an das Thema heranzuführen. Formt sich eine moderne volkskirchliche Variante der Kirchenmusik? Die Entwicklung bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass »Gebet und Loblied« auch in Zukunft eine zentrale Rolle im evangelischen Gottesdienst spielen werden. In welcher Form auch immer.

 

 

 

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