Ein Abendlied am Morgen

Ein Lied, das von der untergehenden Sonne spricht und um guten Schlaf bittet. Aufs Erste passt das nicht zu dieser Tageszeit. Aber ist umgekehrt nicht jetzt ein guter Zeitpunkt, um rückwärts zu fragen: Wie war der Abend gestern? Hatte ich eine gute Nacht? Und mein Schlaf: War er sanft, gleichmäßig und erholsam? Wenn wir schlafen, geben wir unser Bewusstsein aus der Hand. Wir gleiten hinüber in einen Zustand, der unserer Kontrolle entzogen ist. Im Schlaf sind wir ausgeliefert, brauchen wir besonderen Schutz. Darum bitten die einzelnen Strophen des Liedes. Gerade auch für die Menschen, die schlecht schlafen. Sie leiden oft sehr darunter. Ihr Tag war schon aufregend und mühevoll. Und im Schlaf finden sie auch keine Ruhe. Wer nachts wach liegt, sich von einer Seite auf die andere dreht, weil die Gedanken verrückt spielen, weiß wie zermürbend das sein kann. Bei manchen kommt dann noch Angst dazu. In der Dunkelheit ist man ganz allein mit sich selbst. Das Lied schafft Raum, diese Not auszusprechen. Und um das Vertrauen zu bitten, dass Gottes Licht auch das größte Dunkel durchbrechen kann.

Bleib bei uns, Herr, der Abend kehret wieder,
ein Tag voll Müh und Plag hat sich geneigt.
Bleib bei uns, Herr, die Nacht senkt sich hernieder.
Lass leuchten über uns dein Angesicht.

Das Lied Bleib bei uns, Herr hat im katholischen Gotteslob die Nummer 94. Seine Melodie stammt von William Monk, der es 1861 komponiert hat. Für einen Even-Song. Diese Abendgottesdienste haben in der anglikanischen Liturgie eine große Tradition. Im 19. und 20. Jahrhundert haben sie dort regelrecht Kultstatus erlangt. Bis heute werden sie in den Kathedralen Englands und in den College-Kirchen von Oxford und Cambridge fast täglich gesungen. Offenbar entspricht es einer großen und echten menschlichen Sehnsucht: Am Ende des Tages zu wissen: Ich lebe mein Leben, aber ich muss nicht alles selbst in der Hand haben. Ich mache Fehler und hoffe darauf, dass mir vergeben wird. Ich bin nicht für alles allein verantwortlich. Ich bin bei Gott geborgen; er lässt mich nicht fallen. Und alles in allem lenkt er mein Leben hin auf ein gutes Ziel.

Von dieser Sehnsucht ist - neben dem Text - die Melodie des Lieds heute geprägt: Die Tonart Es-Dur wird häufig als warm und dunkel empfunden. Die sanfte Auf-und-Ab-Bewegung der Melodie strahlt eine große Ruhe aus, die gerade am Abend gut tut. Einzig ein zweifacher Sprung, fünf Töne nach oben - jeweils nach dem Wort HERR - zeigt an: Gott erfüllt unsere Sehnsucht nach Frieden.


 

 

 

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